3 Phonetik


Phonetik

Lehre von der Lautbildung

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Pho|ne|tik 〈f.; -; unz.〉 Lehre von der Art u. Erzeugung der Laute, vom Vorgang des Sprechens, Lautlehre; oV Fonetik; →a. Phonologie; → Lexikon der Sprachlehre [<grch. phonetikos „zum Tönen, Sprechen gehörig“; zu grch. phone „Stimme, Laut, Ton“]

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Pho|ne|tik, Fonetik, die; -:
Wissenschaft von den sprachlichen Lauten (2), ihrer Art, Erzeugung u. Verwendung in der Kommunikation.

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Phonetik
 
die, -, die Wissenschaft vom Sprachschall, seiner Erzeugung durch den Sprecher und seiner Verarbeitung durch den Hörer. Historisch gesehen ist die Phonetik ein Teilbereich der Sprachwissenschaft; die traditionelle Fachbestimmung als Wissenschaft von den Sprachlauten (Laut) ist jedoch im Hinblick auf die moderne phonetische Forschung zu eng. Die Phonetik beschäftigt sich vielmehr mit der Gesamtheit der miteinander verketteten physikalischen, physiologischen und psychischen Prozesse, die bei der Kommunikation mittels gesprochener Sprache an der Übermittlung einer Information vom Bewusstsein des Sprechers zum Bewusstsein des Hörers beteiligt sind. Es sind dies 1) neurophysiologische Vorgänge im Gehirn und in den efferenten Nervenbahnen des Sprechers - diese bereiten die Artikulation des Sprachsignals vor und aktivieren die Muskeln der Sprechorgane; 2) die daraus resultierenden Bewegungen und Stellungen der Sprechorgane; 3) die Erzeugung der akustischen Sprachsignale in den durch die Sprechorgane gebildeten Hohlräumen (gelegentlich auch als Akustogenese bezeichnet; Ansatzrohr); 4) die Übertragung des Sprachschalls vom Sprecher zum Hörer; 5) mechanische und hydrodynamische Vorgänge im Mittel- beziehungsweise Innenohr; 6) neurophysiologische Vorgänge auf den afferenten Nervenbahnen des Gehörs und im Gehirn des Hörers (und des Sprechers).
 
Bei der Erforschung dieses bioakustischen Systems stehen Theorie, Empirie und Experiment gleichberechtigt nebeneinander. Das verwendete Instrumentarium entstammt vielfach anderen Disziplinen, z. B. Physik, Physiologie, Psychologie oder Elektroakustik. Hierbei gewinnen computergestützte Methoden der Signalverarbeitung zunehmend an Bedeutung.
 
Forschungsrichtungen:
 
Gegenstand der akustischen Phonetik sind einerseits die Signaleigenschaften des Sprachschalls, andererseits die bei seiner Erzeugung ablaufenden akustischen Prozesse innerhalb des Sprechtrakts. Sprachsignale werden v. a. hinsichtlich derjenigen akustischen Eigenschaften untersucht, die entweder die sprachliche Zeichenfunktion oder das sprechende Individuum charakterisieren. Wichtigstes Analysiergerät ist der Sonagraph; daneben existiert eine Vielzahl zum Teil sehr spezieller Analysiergeräte, die bestimmte Parameter (z. B. die Sprachgrundfrequenz, d. h. die Sprechmelodie) aus dem Sprachsignal zu extrahieren gestatten. - Die von der akustischen Phonetik gewonnenen Erkenntnisse dienen sowohl der Grundlagenforschung (z. B. der Bildung einer akustischen Theorie der Artikulation) als auch anwendungsorientierten Zwecken. Zu Letzteren gehört die Entwicklung von Verfahren zur automatischen Sprach- und Sprecherkennung (akustische Mensch-Maschine-Kommunikation) sowie zur Sprachausgabe (z. B. automatische Auskunftssysteme mit synthetischer Sprache, Vorlesegeräte für Blinde).
 
Die artikulatorische Phonetik (Koartikulation, Artikulation) beschreibt die Art und Weise, in der die Sprechorgane an der Erzeugung der Sprachlaute beteiligt sind. Die wichtigsten Sprechorgane sind - neben den Stimmbändern - verschiedene Teile der Zunge und des Gaumens, die Lippen, die oberen Schneidezähne sowie das Gaumensegel. Durch einen komplexen Bewegungsablauf dieser Artikulatoren wird Primärschall modifiziert und erhält dadurch seine endgültige Klanggestalt. Der Primärschall ist ungefähr periodisch (bei Vokalen und stimmhaften Konsonanten), soweit er von Stimmbandschwingungen herrührt, oder geräuschhaft (bei Frikativen), wenn durch eine kritische Engebildung im Ansatzrohr in der ausströmenden Atemluft Turbulenzen auftreten. - Die artikulatorische Phonetik bildet mit ihren anschaulichen Beschreibungsparametern das vorrangige Bezugssystem für die Lautschrift. Hieraus ergibt sich auch ihre Bedeutung für die Phonologie, für die Aussprachevermittlung im Fremdsprachenunterricht, für die Stimm- und Sprechtherapie und für die Erstellung von Aussprachewörterbüchern.
 
Die perzeptive Phonetik (auch auditive Phonetik genannt) untersucht die Wahrnehmung und Verarbeitung von Sprachschall durch den Hörer. Ihr vorrangiges Ziel besteht darin, Relationen zwischen Eigenschaften des akustischen Signals und aus der perzeptuellen Analyse abgeleiteten phonetisch-phonologischen Einheiten aufzudecken. Das methodische Vorgehen ist durch Wahrnehmungsexperimente bestimmt, in denen unter Einsatz spezieller computergestützter Verfahren akustische Merkmale des Sprachsignals systematisch variiert werden. Neben der Aufdeckung akustischer Schlüsselmerkmale für die Lautperzeption ist die Untersuchung der primären Wahrnehmungseinheiten in der Worterkennung ein wichtiger Bereich. In unterschiedlichen Modellen werden als intermediäre Bausteine in der Worterkennung entweder distinktive Merkmale, Phoneme oder Silben eingesetzt. Mit ihren Methoden und Fragestellungen steht die perzeptive Phonetik zwischen psychologische Akustik und Psycholinguistik.
 
Die funktionale Phonetik oder Phonologie beschäftigt sich u. a. mit der Funktion der Sprachlaute im Rahmen eines Sprachsystems, mit der Festlegung des Phonemsystems einer Sprache sowie seiner Beschreibung durch artikulatorische oder akustische Eigenschaften beziehungsweise auch in vereinheitlichter Darstellung mithilfe distinktiver Merkmale.
 
Die physiologische Phonetik erforscht die neurologischen Vorgänge, die die Stimmtonerzeugung und die Artikulation steuern und die der Signalverarbeitung beim Hörer dienen. Ferner fallen in diesen Bereich die Mechanismen des Mittel- und Innenohrs sowie der Atmung und des Kehlkopfes, soweit sie für den Sprechvorgang relevant sind.
 
 
G. Ungeheuer: Elemente einer akust. Theorie der Vokalartikulation (1962);
 G. Lindner: Einf. in die experimentelle P. (Berlin-Ost 1969);
 G. Fant: Acoustic theory of speech production (Den Haag 21970);
 
Manual of phonetics, hg. v. B. Malmberg (Neudr. Amsterdam 1974);
 R. Jakobson u. a.: Preliminaries to speech analysis. The distinctive features and their correlates (Neuausg. Cambridge, Mass., 1976);
 K. J. Kohler: Einf. in die P. des Dt. (1977);
 O. von Essen: Allg. u. angewandte P. (Berlin-Ost 51979);
 H.-G. Tillmann u. P. Mansell: P. (1980);
 G. Lindner: Grundlagen u. Anwendungen der P. (Berlin-Ost 1981);
 D. O'Shaughnessy: Speech communication. Human and machine (Reading, Mass., 1987);
 J. C. Catford: A practical introduction to phonetics (Oxford 1988);
 S. Rosen u. P. Howell: Signals and systems for speech and hearing (London 1991);
 P. Ladefoged: A course in phonetics (Fort Worth, Tex., 31993).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Phonetik und Phonologie
 

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Pho|ne|tik, die; -: Wissenschaft von den sprachlichen Lauten (2), ihrer Art, Erzeugung u. Verwendung in der Kommunikation.

Universal-Lexikon. 2012.

Synonyme:

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